DFS Tower in Düsseldorf © DFS Deutsche Flugsicherung

Was die Wirtschaft von der Flugsicherung lernen kann

Während viele Unternehmen den demografischen Wandel als Personalproblem sehen, macht die Deutsche Flugsicherung Erfahrung zur strategischen Ressource. Wie sie damit Sicherheit, Innovation und Wissenstransfer stärkt, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.

Es ist ein schwül-heißer Vormittag Ende Mai. Über Westeuropa ziehen Gewitterfronten auf, im deutschen Luftraum müssen mehr und mehr Flugzeuge umgeleitet werden. Auf den Radarschirmen der Kontrollzentrale im hessischen Langen verdichten sich die Flugbewegungen im Sekundentakt.

 „Vieles lässt sich trainieren“, sagt Fluglotsin und Ausbilderin Damaris Schröder. „Aber bestimmte Situationen wie ein Gewitter lernt man erst mit der Zeit – durch Erfahrung und durch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die sie schon erlebt haben.“ Moderne Luftfahrt ist mehr als Technologie. Wenn Standardabläufe an ihre Grenzen stoßen, wird Erfahrung zum entscheidenden Faktor.

Damaris Schröder, DFS Deutsche Flugsicherung
DFS Deutsche Flugsicherung – arbeiten im Kontrollraum
Vieles lässt sich trainieren. Aber bestimmte Situationen wie ein Gewitter lernt man erst mit der Zeit – durch Erfahrung und durch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die sie schon erlebt haben. Damaris Schröder, Fluglotsin und Ausbilderin bei der DFS Deutsche Flugsicherung

Täglich werden weltweit rund 100.000 Flüge durchgeführt. Der deutsche Luftraum zählt zu den verkehrsreichsten, komplexesten und am stärksten frequentierten der Welt. Sicherheit entsteht hier aus Technik, klaren Verfahren und Menschen, die auch unter höchster Belastung den Überblick behalten. 

Jörg Buxbaum erläutert die Heatmap über dem Frankfurter Flughafen

„Es gibt ein unschätzbares implizites Kontextwissen“, sagt Jörg Buxbaum, Group Leader Research & Foresight bei der Deutschen Flugsicherung. Erfahrene Lotsinnen und Lotsen erkennen Muster, Engpässe und Besonderheiten in ihrem Kontrollbereich, dem sogenannten Sektor, oft schon, bevor automatisierte Alarmsysteme anspringen. Die Frage, wie aus diesem Erfahrungswissen bessere Entscheidungen, Verfahren und Technologien entstehen können, beschäftigt die DFS seit jeher.

Erfahrung verschwindet nicht mit dem Ruhestand

Die aktive Laufbahn von Fluglotsinnen und Fluglotsen endet früher als in vielen anderen Berufen. Viele bleiben der Organisation allerdings auch nach dem operativen Dienst erhalten, als Ausbilderinnen und Ausbilder, in Forschungsprojekten oder beim Entwickeln neuer Systeme. 

„Die Fluktuationsquote liegt im gesamten Betrieb bei nur 0,8 Prozent. Viele Lotsinnen und Lotsen bleiben über Jahrzehnte bei der DFS. Und selbst nach dem aktiven Dienst bringen viele ihre Kenntnisse weiter ein“, sagt Jörg Buxbaum. 

Gerolf Ziegenhain von der Deutschen Flugsicherung im Gespräch
Die Frage, ob ältere Mitarbeitende eine Belastung sind, stellt sich bei uns nicht. Erfahrung weiterzugeben und gleichzeitig neue Perspektiven zuzulassen – dieser Mix macht die DFS erfolgreichDr. Gerolf Ziegenhain, Director Innovation & Planning.

Wie Erfahrungswissen und neue Perspektiven zusammenwirken, zeigt sich besonders in der Ausbildung. Dort lernen angehende Fluglotsinnen und Fluglotsen nicht nur Verfahren und Regelwerke, sondern auch, unter hoher Komplexität Entscheidungen zu treffen. Was heute im Kontrollraum gelernt wird, kann morgen bereits in Simulationen, Trainingssystemen oder der nächsten Generation technischer Lösungen stecken. 

„Wenn neue Systeme eingeführt werden, lernen die Erfahrenen von den Jüngeren genauso wie umgekehrt. Die einen bringen tiefes operatives Wissen mit, die anderen einen sehr intuitiven Umgang mit neuen Technologien“, sagt Jörg Buxbaum. 

Die Erfahrenen lernen von den Jüngeren genauso wie umgekehrt. Jörg Buxbaum, Group Leader Research & Foresight
Jörg Buxbaum, Deutsche Flugsicherung

Fehler als Rohstoff: die „Just Culture“

Möglich wird das durch eine Kultur, die auf Lernen statt Schuldzuweisung setzt: die sogenannte Just Culture. Mitarbeitende können Fehler, Unsicherheiten oder Beinahe-Ereignisse offen ansprechen, ohne automatisch Sanktionen befürchten zu müssen. Ziel ist nicht die Suche nach Schuldigen, sondern das Lernen als Organisation. Gerade in einem Umfeld, in dem seltene Sonderfälle schwerwiegende Folgen haben können, wird jede unerwartete Situation zur Chance, das System zu verbessern. 

„Just Culture endet bei uns nicht im Kontrollraum. Die Bereitschaft, Erfahrungen offen zu teilen und daraus zu lernen, zieht sich durch alle Bereiche der DFS“, sagt Buxbaum. 

Genau aus diesem Zusammenspiel von Erfahrungswissen und systematischer Datenauswertung entstehen viele Innovationen bei der DFS. Neue Verfahren, Trainingsmethoden oder technologische Lösungen basieren nicht allein auf Daten oder Erfahrung, sondern auf ihrer intelligenten Verbindung.

Warum Innovation menschliche Erfahrung benötigt

Eine Erkenntnis der DFS lautet: Nicht jede Situation lässt sich simulieren. Selbst hochautomatisierte Systeme, die über viele Jahre entwickelt, getestet und validiert wurden, können im realen Betrieb auf sogenannte Corner Cases treffen – seltene Sonderfälle, die in keiner Testumgebung vollständig abgebildet wurden. Extremwetterlagen oder lokale Besonderheiten zeigen ihre Tücken oft erst im alltäglichen Betrieb. 

Um neue Verfahren dennoch möglichst realitätsnah erproben zu können, nutzt die DFS digitale Zwillinge ihres Luftraums. Über viele Jahre haben aktive und ehemalige Fluglotsinnen und Fluglotsen gemeinsam mit Forschenden Modelle entwickelt, die Erfahrungen aus dem operativen Alltag systematisch nutzbar machen. Das Ergebnis sind sicherere Abläufe, eine gezielte Entlastung der Fluglotsinnen und Fluglotsen und ein effizienterer Umgang mit wachsendem Verkehrsaufkommen. Optimierte Verkehrsströme können zudem Flugwege verkürzen, Wartezeiten reduzieren und Treibstoff sparen.

Digitaler Zwilling: Die Generalprobe für den Luftraum von morgen

Ein digitaler Zwilling ist die virtuelle Nachbildung eines realen Systems. Bei der DFS umfasst das nicht nur den Luftraum selbst, sondern auch Verkehrsströme, Verfahren und den sogenannten Workload – die tatsächliche Arbeitsbelastung der Fluglotsinnen und Fluglotsen. So können Änderungen getestet werden, bevor sie im operativen Betrieb zum Einsatz kommen. Das hilft, Risiken frühzeitig sichtbar zu machen und neue Verfahren unter realistischen Bedingungen zu erproben.

Kann KI menschliches Erfahrungswissen ersetzen?

Auch KI wird wichtiger, aber nicht dort, wo viele sie vermuten würden. Nach Einschätzung der DFS wird der Mensch auch künftig die zentrale Entscheidungsinstanz im operativen Betrieb bleiben. Zu hoch sind die Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und menschliche Kontrolle. „Bis auf Weiteres wird der Mensch im operativen Betrieb die zentrale Rolle behalten. Das größte Potenzial von KI sehen wir nicht im Kontrollraum. Ihr größter Wert liegt darin, Wissen sichtbar, nutzbar und dauerhaft verfügbar zu machen“, sagt Dr. Gerolf Ziegenhain.

Bis auf Weiteres wird der Mensch im operativen Betrieb die zentrale Rolle behalten. Dr. Gerolf Ziegenhain, Director Innovation & Planning

Für die DFS liegt die Stärke von KI vor allem dort, wo große Datenmengen ausgewertet, Muster erkannt oder Informationen schneller zugänglich gemacht werden können. Durch strukturierte Interviews, digitale Wissensarchive und intelligente Dokumentenaufbereitung macht die DFS Erfahrungswissen langfristig verfügbar.

KI als Bewerber für den Kontrollraum

Ein augenzwinkerndes, aber fachlich fundiertes Assessment Center für autonome KI-Systeme bei der DFS zeigt klare Grenzen auf: Viele Aufgaben löst KI schneller als Menschen. Doch bei Verantwortung, Kommunikation und Entscheidungen unter Unsicherheit bleibt der Mensch unverzichtbar.

Laut KI-Bewerber ist eine menschliche Aufsicht erforderlich.

Neue Aufgabe für die Flugsicherung: Schutz vor Drohnen

Drohnen werden zunehmend zur Herausforderung für Flughäfen und andere kritische Infrastrukturen. Gemeinsam mit der Deutschen Telekom und dem Rüstungsunternehmen Hensoldt arbeitet die DFS an einer KI-gestützten Plattform, die Sensordaten automatisiert auswertet und zu einem Lagebild des Luftraums zusammenführt. Ziel ist es, unerlaubte oder sicherheitskritische Drohnenaktivitäten früher zu erkennen.

Erfahrungswissen als Infrastruktur

Die eigentliche Innovation der Flugsicherung liegt nicht in einer einzelnen Technologie, sondern in der Erkenntnis, dass Erfahrung eine Infrastruktur ist – genauso wichtig wie technische Systeme oder physische Anlagen. Sie hilft, neue Mitarbeitende schneller auszubilden, Innovationen praxisnäher zu entwickeln und Abläufe kontinuierlich zu verbessern. Davon profitieren nicht nur Fluglotsinnen und Fluglotsen, sondern das gesamte Luftverkehrssystem, von Airlines und Flughäfen bis hin zu den Passagieren. 

In einer alternden Gesellschaft könnte genau darin die Antwort auf eine der wichtigsten Zukunftsfragen liegen. Denn je komplexer Systeme werden, desto wertvoller wird die Fähigkeit, Erfahrung zu bewahren, weiterzugeben und für Innovation nutzbar zu machen. Nicht Menschen müssen unbegrenzt leistungsfähig bleiben. Aber ihr Wissen sollte es.

Die Deutsche Bank und DFS Deutsche Flugsicherung

Die Deutsche Bank begleitet die DFS Deutsche Flugsicherung als strategischer Partner in einem hochregulierten Umfeld mit besonderen Anforderungen an Liquiditätssteuerung und Risikomanagement.

Im Fokus steht dabei die effiziente Allokation von  Liquiditätsbeständen unter engen regulatorischen Rahmenbedingungen. Die Deutsche Bank entwickelt hierfür passgenaue Lösungen. Parallel unterstützt sie die DFS bei der Weiterentwicklung ihrer Treasury-Organisation im Zuge wachsender internationaler Aktivitäten.

Die Partnerschaft ist geprägt von vertrauensvollem Dialog und dem gemeinsamen Anspruch, finanzielle Stabilität und strategische Weiterentwicklung nachhaltig zu verbinden.

Über DFS Deutsche Flugsicherung

Rund 2.200 Fluglotsinnen und Fluglotsen sichern den Luftverkehr in Deutschland – rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. In einem der verkehrsreichsten Lufträume der Welt sorgt die DFS für sichere, effiziente und möglichst umweltfreundliche Flugrouten. Dabei verbindet sie operative Erfahrung, technische Innovationen und neue Verfahren für die Flugsicherung von morgen.

Gerolf Ziegenhain von der Deutschen Flugsicherung im seinem Büro in Langen

Dr. Gerolf Ziegenhain

Dr. Gerolf Ziegenhain ist Director Innovation & Planning bei der DFS Deutsche Flugsicherung. Der promovierte Physiker beschäftigt sich mit der strategischen Weiterentwicklung der Flugsicherung an der Schnittstelle von Technologie, Innovation und operativem Betrieb. Seit 2010 verantwortet er unterschiedliche Führungsfunktionen bei der DFS – von Softwareentwicklung und IT-Plattformen bis hin zu Luftverkehrsdiensten und Innovationsprogrammen. Heute treibt er Themen wie Automatisierung, Wissensmanagement und die Zukunft kritischer Infrastrukturen voran.

Damaris Schröder von der DFS Deutsche Flugsicherung im Kontrollraum.

Damaris Schröder

Damaris Schröder ist seit 2017 Fluglotsin und Ausbilderin bei der DFS Deutsche Flugsicherung. Im Kontrollraum und im Simulator begleitet sie den Nachwuchs und vermittelt Erfahrungen aus dem operativen Alltag. So sorgt sie mit dafür, dass wertvolles Praxiswissen nicht verloren geht, sondern kontinuierlich weitergegeben und weiterentwickelt wird.

Jörg Buxbaum, Deutsche Flugsicherung

Jörg Buxbaum

Jörg Buxbaum ist Diplom-Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitet seit 1999 bei der DFS Deutsche Flugsicherung. Als Group Leader Research & Foresight beschäftigt er sich mit der Frage, wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz Fluglotsinnen und Fluglotsen in sicherheitskritischen Systemen wirksam unterstützen können. Zu seinen Schwerpunkten zählen der Einsatz neuer Technologien sowie der Transfer von Erfahrungswissen in der Flugsicherung.

Diese Seite wurde im September 2026 veröffentlicht. Sofern nicht anders angegeben: Fotos von Benjamin Krug.

Philipp Scheller

Philipp Scheller

… beschäftigt sich bei der Deutschen Bank mit Kommunikation, digitalen Entwicklungen und neuen Technologien, insbesondere KI. Ihn interessiert, wie Menschen und Organisationen mit Wandel umgehen. Seine Neugier führt ihn auch privat immer wieder in neue Länder und Kulturen.

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